Sonntag, 6. November 2016

Treue zahlt sich aus - Gedanken zu Lukas 16,9-12

Worte Jesu:
 „Und ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem schmutzigen Geld, dem ungerechten Mammon, damit, wenn ihr in Not kommt, sie euch aufnehmen in die ewigen Wohnungen. Wer im Kleinsten treu ist, der ist auch im Großen treu, und wer im Kleinsten unrecht ist, der ist auch im Großen unrecht. So ihr nun mit dem ungerechten Geld nicht zuverlässig umgeht, wer will euch das wahre Gut anvertrauen? Und wenn ihr fremdes Gut nicht treu verwaltet habt, wer wird euch geben, was euch eigentlich zugedacht war? Kein Diener kann zwei Herren gleichzeitig dienen; entweder er wird den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird sich voll für den einen einsetzen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott und dem Geld gleichzeitig dienen.“

1.  Schwierigkeiten mit der Volksweisheit
Jesus scheint hier eine gängige Volksweisheit zum Besten zu geben. Er hatte zuvor gerade ein Gleichnis erzählt, in dem er seltsamerweise einen korrupten und untreuen Finanzverwalter lobt. Bestätigt Jesus damit nicht in gewisser Weise, dass diejenigen oft am weitesten kommen, die in der Maske des Biedermanns auf krummen Wegen das große Geld absahnen? Erwischt werden doch die Kleinen, denen man wegen zweier mitgenommener Brötchen den Prozess macht. Die großen Hechte sind dank ihrer kriminellen Kreativität oder durch ihre pfiffigen Anwälte schon längst durch die Maschen des Gesetzes geschlüpft: Von Wirtschaftskriminalität, Steuerbetrug in Millionenhöhe sind unsere Zeitungen und das Fernsehen voll. Und wie selten muss dann einer von den „Großen“ wirklich hinter Gitter …
Immerhin verstehe ich Jesus so, dass er nicht Dummheit, Inkompetenz oder Blauäugigkeit für sinnvoll hält. Das Gleichnis, das unserer Textstelle vorausgeht, ist ja keine Handlungsanleitung, um mit Hilfe von Tricks die eigene Haut zu retten, sondern ein Denkanstoß. Der muss auch manchmal etwas heftiger sein, damit wir merken, worum geht, wenn man sich Freunde mit dem ungerechten Mammon machen soll, wie das Luther so schön übersetzte.     
Beim genaueren Lesen leuchtet hier ein Horizont auf, der mit der Erfahrung des Himmlischen unter irdischen Bedingungen zu tun hat. Ich übersetze diesen Vers einmal so:
Jesus sagt:
Euer Geld ist Symbol von Ungerechtigkeit, Kränkung und Leiden. Setzt es so ein, dass Freundschaften entstehen – nicht zweifelhafte Seilschaften. Nur so findet ihr ein Zuhause, das einen ewigen Wert hat.
Wir stehen in einem Unrechtszusammenhang:
Offensichtlich lässt sich Ungerechtigkeit im Alltag unserer Welt nicht vermeiden: Wer mit Geld umgeht, geht mit Unrecht um. Machen wir uns nur einmal klar, durch wie viele Hände dieser 10 Euro-Schein gegangen ist (Geldschein zeigen). Welche Geschichten von Freude, Leid, Verzweiflung und Betrug könnte er uns erzählen? Und nun ist dieser Schein in unseren Händen. Was machen wir mit ihm?  Wir können uns offensichtlich nicht aus dem Geldkreislauf herausmogeln. Wir leben in einem Zusammenhang von Ausbeutung und Unrecht. Wir stehen allerdings mit unseren Gütern auf der Sonnenseite. Selten fragen wir, was mit den Menschen geschieht, die diese unsere Nahrung und unsere Kleidung produziert haben. Wie sehen ihre Lebensbedingungen aus? Wie viele Kinder werden durch unsere Art des Konsums von Schule und Bildung ferngehalten?
Hinzu kommt unsere Schäppchen-Mentalität: möglichst billig, gut und günstig einzukaufen. Keiner von uns dürfte dieser Versuchung schon komplett widerstanden haben. Jetzt reicht ja schon für unsere Gier nicht mehr XXL, sondern XXXL !
Nun gibt es glücklicherweise auch ein Gegensteuern für unsere Habenwollen-Mentalität. Ich finde ein schönes Beispiel ist diese 50 Cent Münze. Hier kann man sehen, wie aus ungerechtem Mammon Engelgeld geworden ist.
Die Initiative des Künstlerpaares Carmen Dietrich und Gregor Merten mit dem „Engel der Kulturen“ ist sicher manchen bekannt. Es handelt sich um ein großes Rad mit den Symbolen von Judentum, Christentum und Islam. Als sie zum ersten Mal einen Sandabdruck machten, entdeckten sie, dass das Innere des Radringes einen Engel darstellte. Seit vielen Jahren wird dieses Zeichen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit durch viele Städte gerollt. Ebenfalls werden Bodenintarsien mit dem Engel  vor Kirchen und Synagogen, auf Straßen und Plätzen verlegt, übrigens vor einiger Zeit auch in Lüdenscheid. Zu dieser Initiative gibt es auch das „Engelgeld“. Der Künstler hat 50 Eurocent-Münzen mit diesem Engelsymbol quasi umgeprägt. Man kann noch ahnen, dass es einmal eine 50 Cent Münze war, aber das Engelsymbol hat diese Münze vollständig verändert. Für den üblichen Geldkreislauf ist sie nicht mehr zu gebrauchen. Aber jetzt gibt es neue Möglichkeiten, Zeichen der Versöhnung zu setzen – mit Engelgeld.
 Was hier im Kleinen bewusst geschieht, kann sich sehr schnell auf größere Zusammenhänge auswirken. Aber zuerst müssen wir einmal  bei uns selbst anzufangen – bei unserem Eigentum und unserem Besitz.
Wer im Kleinen nachgibt, gibt auch im Großen nach – keine Flexibilität?
Auch scheinbar kleine Dinge überschreiten schnell die Alltagszusammenhänge. Wir stehen unmittelbar vor dem 9. November, einem Schicksalstag in Deutschland.
·         9. November 1918: Abdankung des Kaisers und Ausrufung der Republik:              
          https://www.google.de/webhp?sourceid=chrome-instant&ion=1&espv=2&ie=UTF-8#q=9.%20november%201918%20ausrufung%20der%20republik
·        9./10. November 1938: Reichspogromnacht: https://www.lpb-bw.de/reichspogromnacht.html
·        9. November 1989: Fall der Berliner Mauer: https://www.lpb-bw.de/fall_der_berliner_mauer.html
Wie gehen wir, Junge oder Alte, eigentlich heute damit um, dass in der sog. Reichkristallnacht, einer Minderheit die Existenz zerstört wurde und die Planung zur Vernichtung der Juden anlief? Wie gehen wir damit um, dass es inzwischen wieder salonfähig ist, seinen Hass über die sozialen Medien oder sogar gewalttätig gegen Flüchtlinge, Muslime, Juden, Schwule loszulassen? Fangen wir schon im Kleinen an, dagegen anzugehen oder sagen wir lieber: Man kann ja doch nichts ändern?
Es gibt heute genügend Möglichkeiten, mit den eigenen Fähigkeiten und der eigenen Klugheit, Treue im Kleinen zu beweisen: Wer nicht so gern ins Internet geht, kann z.B. einen Leserbrief schreiben oder im Radio anrufen. Da muss man schon seinen Namen nennen, das ist der Anfang von Zivilcourage. Das kann angesichts der zunehmenden Gewalt schon Angst verursachen. Das ist eine kleine Handlung. Aber schon da ist es nicht immer leicht denen zu widersprechen, die unter der Maske der besorgten Bürger ausgrenzen, beleidigen und diskriminieren.
Denn hier fängt die Treue im Kleinen an. Martin Luther hat das im Großen Katechismus auf den Punkt gebracht: "Woran du nun dein Herz hängst und worauf du dich verlässt, das ist eigentlich dein Gott." Nicht umsonst mahnt Jesus darum: Man kann nicht Gott und dem Gelde gleichzeitig dienen !
Standfestigkeit üben
Wenn wir unser derzeitiges Christentum in Deutschland betrachten, so fällt auf, dass immer wieder vom „Christlichen Abendland“ geredet wird, das man bewahren müsse. Faktisch aber muss man nach einem intensiv gelebten christlichen Glauben in unserer Gesellschaft ziemlich suchen. Insofern ist es gut, sich mit Blick auf das Vorbild Christi zu vergewissern. Bei der frohen Botschaft Jesu, diesem kostbaren Gut, sollte man nämlich keine Kompromisse machen. Auch die Kirche muss achtgeben, dass sie nicht ihr Profil verliert trotz aller Reformationsfeiern, die seit kurzem quer durch die Republik stattfinden.
Wir müssen uns fragen: Was ist in unserer kirchlichen Arbeit am wichtigsten, unaufgebbar und was läuft sozusagen im Beiprogramm noch mit? Dazu gehört die Glaubwürdigkeit unseres Tuns, damit nicht unsere Gottesdienste zu leeren Ritualen verkommen. Man kann auch nicht dauernd fragen: rechnet sich das für unser Gemeinde, für unser Kirche?          
Martin Luther hat das provokativ auf den Punkt gebracht: Eine Magd, die den Stall ausmistet, ist besser als ein Priester der die Messe liest. Ja, für ihn ist ganz offensichtlich dieses Tun im Stall Gottesdienst. Ob also auch unsere Gottesdienste stimmig sind, zeigt sich an unserem Tun als Kirche und als einzelne Christen. Unser Handeln wird zum Maßstab dafür, ob wir im Kleinen auch treu sind oder es doch nicht so genau nehmen. Jesus fordert darum Treue ein.
Treue zahlt sich aus – sie schafft neue Möglichkeiten der Freiheit
Treue hat sehr viel mit Bindung zu tun. Treue verändert auch Bindungen, wie Antoine de Saint-Exupéry in der Geschichte vom Kleinen Prinzen und dem Fuchs zeigt. Der Fuchs erklärt dem Kleinen Prinzen, wie man Vertrauen gewinnt: >“Du musst sehr geduldig sein“, antwortete der Fuchs. „Du setzt dich zuerst ein wenig abseits von mir ins Gras. Ich werde dich so verstohlen, so aus dem Augenwinkel anschauen, und du wirst nichts sagen. Die Sprache ist die Quelle der Missverständnisse. Aber jeden Tag wirst du dich ein bisschen näher setzen können …“< (20. Kap.).
So wie der Fuchs die Treue im Kleinen benennt, so entstehen dadurch neue Möglichkeiten des Zusammenwirkens, und auf diese Weise neue Möglichkeiten der Freiheit. Auf die Worte Jesu in unserem Abschnitt bezogen, heißt das: Wer sich und sein Tun an Jesus ausrichtet, der wird nicht zum geistlichen Pfennigfuchser und langweiligen Glaubensbuchhalter, sondern er bekommt den Rücken frei für Spontaneität und Kreativität. Unser Handeln braucht eine klare Ausrichtung. Das fängt mit den kleinen Gesten und Ritualen an und dazu gehört z.B. auch das eigene Gebet im Alltag. Aber solche Praxis der Glaubenstreue erfährt erst durch unser verantwortliches Tun die Bestätigung. Geld wird dabei immer wieder ins Spiel kommen, aber nicht in seiner herrschenden Funktion. Sondern wenn wir Geld einsetzen, sollte es anderen auch nützen. Nur so wird sich eine Gesellschaft zum Besseren verändern. Und wir können etwas dazu beitragen. Dieser Einsatz lohnt sich. Lassen wir uns himmlische Kreativität schenken.

Reinhard Kirste
 --- relpäd/Lk 16,9-12,. 06.11.16